Fundamentaler Ausblick: Robert Halver

Die ultimative Mobilmachung der Rettungsinstrumente
In Euroland sind die fundamentalen
Gewitterwolken nicht ganz verschwunden, denn Portugal gerät
verstärkt in das Visier der Finanzmärkte. Die Bedenken sind groß,
dass es wie Griechenland kaum in der Lage ist, längerfristig auf
eigenen finanzpolitischen Füßen zu stehen. Am euroländischen
Staatsanleihemarkt wandern die Renditen 2-jähriger portugiesischer
Staatsanleihen bereits auf den Pfaden griechischer und stehen bei
gut 18 Prozent. Immerhin ist aber Portugal bis 2014
durchfinanziert. Somit ist ein Zeitgewinn möglich.
Und um auf Nummer sicher zu gehen,
ist es mehr als wahrscheinlich, dass als Gegenleistung für das
deutsche Beharren auf die Fiskalunion der permanente
Euro-Rettungsschirm (ESM) kräftig aufgestockt wird. Selbst eine
Verdreifachung des Kreditvolumens auf 1,5 Bio. Euro durch eine
Kombination mit dem parallel laufenden temporären Rettungsschirm
(EFSF) sowie zusätzlichen IWF-Mitteln ist im Gespräch. Derartig
künstliche Rettungsinstrumente allein bringen aber keine
nachhaltige Stabilität in die Währungsgemeinschaft. Denn ist es
nicht ein grundsätzliches Stigma für einen Euro-Staat, sich Hilfe
suchend an den ESM zu wenden, wohl wissend, dass die Finanzmärkte
und Rating-Agenturen - auch wenn diese zuletzt an Schrecken
verloren haben - diesen Schritt mit Pleitespekulationen bestrafen
würden?
Die Eigenleistung der prekären
Euro-Länder bleibt eine conditio sine qua non. Sie ist dringend
erforderlich. Hier muss man intelligent sparen. D.h. es geht vor
allem um die Beseitigung der Ungleichgewichte, die eine
Verbesserung des prekären Leistungsbilanzdefizits verhindern. Eine
scharfe Reformpolitik wie jene, die Deutschland mit Hartz IV und
Agenda 2010 durchführte, ist auch Ländern wie Italien und Spanien
zügig und nachhaltig anzuraten. Hier liegt der Schlüssel zum
Erfolg, um seine Standortqualitäten zu verbessern und damit
Leistungsbilanzsalden wieder in den Griff zu bekommen.
EZB kauft Zeit und macht indirekte Konjunkturpolitik
Die nötige Zeit hierfür kauft die
EZB, die die eigentliche Hauptrolle bei der Stabilisierung der
Staatsanleihemärkte und der Konjunktur - über die Hintertür -
spielt. Bei der nächsten Vergabe dreijähriger Kredite am 29.
Februar könnte dem Bankensektor Schätzungen zufolge bis zu 1 Bill.
Euro neue Liquidität zur Verfügung gestellt werden.
Denn neben der Beruhigung der
euroländischen Staatsanleihemärkte soll die Liquiditätsflut der vom
Sparen gebeutelten euroländischen Wirtschaft neue Wachstumsimpulse
verleihen. Einerseits zielt man darauf ab, den Bankensektor wieder
zur Kreditvergabe zu animieren und so einer Kreditklemme
entgegenzuwirken. Denn bisher verläuft die Kreditvergabe an den
Privatsektor in Euroland schleppend. Nicht überall stellen sich die
Kreditbedingungen für Unternehmen vergleichsweise so günstig dar
wie im wirtschaftlich robusten Deutschland. Laut ifo Index zur
Feststellung der Kredithürde profitieren hier besonders große und
mittelständische Unternehmen von einer weniger restriktiven
Kreditvergabe der Banken.
Andererseits schwächt die EZB über
die Liquiditätsausweitung den Außenwert der Gemeinschaftswährung.
Im Verhältnis zur Fed hat die EZB ihre Bilanzsumme kräftig
ausgeweitet. De facto hat sie währungsbereinigt schon jetzt die
deutlich größere. Der sich über die relativ deutlich stärkere
Liquiditätsoffensive der EZB abschwächende Euro verleiht nicht
zuletzt der euroländischen Exportwirtschaft zusätzlichen
Schwung.
Vorbereitung auf griechischen Euro-Austritt?
Allerdings könnte man die
Liquiditätsoffensive der EZB, den deutlich aufgestockten
Rettungsschirm und die Wiedereinsetzung des deutschen
Bankenrettungsfonds SoFFin als Vorbereitung auf Plan B in punkto
Griechenland auffassen. Gemeinsam mit einem Schuldenschnitt wäre im
Frühsommer - nach der französischen Präsidentschaftswahl - der Weg
frei für einen kontrollierten Austritt aus der Eurozone, ohne den
es in Griechenland keine nachhaltige wirtschaftliche Perspektive
geben kann. Die anschließend kontrollierte Abwertung der Drachme 2
zum Euro sollte Griechenland eine allmähliche konjunkturelle
Perspektive eröffnen. Es muss insbesondere verhindert werden, dass
Griechenland unkontrolliert, von sich aus austritt. Das würde die
Finanzmärkte sozusagen auf dem falschen Fuß erwischen.
Unabhängig davon wird aber die
Bekanntgabe eines konkreten griechischen Schuldenschnitts zunächst
für positive Stimmung an den Finanzmärkten sorgen.
Die Weltkonjunktur ist guter Stimmung
Unterdessen kommen solide Signale
von der Weltkonjunktur. In Amerika hält die Konjunkturerholung
weiter an. Treibende Kraft bleibt die US-Industrie, in der die
Stimmung so gut ist wie zuletzt im Sommer 2011. Zudem verdeutlicht
der besonders ausgeprägte Anstieg der Neuauftragskomponente des
Index, dass die industrieseitige Unterstützung auch zukünftig kein
abruptes Ende finden wird. Die Auftragseingänge der US-Industrie
sind robust.
Trotz der bisher stagnierenden
Beschäftigungsplanung im Verarbeitenden Gewerbe, wenn auch im
positiven Terrain, reicht die robuste Industrieentwicklung für eine
erkennbare Erholung des US-Arbeitsmarkts aus. Die Konsumschwäche
lässt insofern nach.
China will nicht die japanischen Fehler wiederholen
Auch in China hellt sich das
Geschäftsklima ein weiteres Mal auf. Ein deutlicher Einbruch des
Wirtschaftswachstums in der zweitgrößten Volkswirtschaft weltweit
ist damit nicht zu befürchten, lediglich eine leichte
Konsolidierung auf schwächerem Wachstumsniveau.
Besonders erfreulich ist, dass die
von der chinesischen Regierung in ihrem Fünf-Jahres-Plan
angestrebte Stärkung der Binnennachfrage erfolgreich verläuft und
die Wirtschaft damit ein wichtiges zweites Standbein neben dem
Export dazu gewinnt. Denn die inländische Neuauftragskomponente im
Verarbeitenden Gewerbe legt zu, so dass der Gesamtindex der
Neuaufträge mit einem Wert von 50,5 Zählern in den Expansion
anzeigenden Bereich über der Schwelle von 50 zurückgekehrt ist.
China hat aus den Fehlern der Japaner in den 80er Jahren gelernt.
Japan hatte sich zu einseitig auf Export und Immobilien fokussiert
und die Binnenkonjunktur sträflich vernachlässigt.
Angesichts des sich insgesamt
leicht abschwächenden Wirtschaftswachstums dürfte die Geldpolitik
in China aber wieder gelockert werden. Die Verringerung des
Mindestreservesatzes für Geschäftsbanken bei der People's Bank of
China ist dabei das Hauptinstrument, um die Kreditvergabe an die
Realwirtschaft anzukurbeln. Eine ausgewählte Lockerung der
Kreditkonditionen für Kleinunternehmen findet bereits statt. Zudem
sichert die chinesische Regierung das soft landing der Wirtschaft,
indem sie Maßnahmen zur Begrenzung der Immobilienspekulationen
ergreift sowie staatliche Wohnbauprogramme finanziert und somit der
Gefahr eines Platzens der Immobilienblase entgegenwirkt.
Freut sich die Weltwirtschaft, freut sich der deutsche
Aktienmarkt
Von einer Weltwirtschaft, die sich
weiterhin erholt und nach IWF-Schätzungen in diesem Jahr mit einer
Wachstumsrate von 3,25 Prozent expandiert, profitiert nicht zuletzt
auch die deutsche Wirtschaft, denn deutsche Qualitätsprodukte sowie
Fachwissen sind insbesondere in den Schwellenländer beim weiteren
Ausbau der Infrastruktur und der Binnenkonjunktur gefragt. Diese
fundamentale Stärke der Weltwirtschaft dient auch als solide Stütze
für den deutschen Aktienmarkt, der in diesem Jahr bis dato mit
einem Plus von gut 14 Prozent aufwarten konnte. Insgesamt kann man
sagen: Geht es der Weltwirtschaft gut, geht es auch den deutschen
Unternehmen und dem deutschen Aktienmarkt gut.
Aus bewertungstechnischer Sicht
sind deutsche Aktien dabei nicht einmal teuer. Sowohl nach Ertrags-
als auch nach Substanzbewertung befinden sie sich auf einem
vergleichsweise günstigen Niveau.
Die Konjunkturstärke lässt sich
nicht zuletzt auch an der Wertentwicklung des Mittelstandsindex
MDAX im Gegensatz zu den großen multinationalen DAX-Unternehmen
ablesen. Grundsätzlich ist gerade der MDAX noch konjunkturlastiger
aufgestellt als der DAX. Mit einer zuletzt wieder positiver
eingeschätzten Auftragslage profitieren die im MDAX enthaltenen
Unternehmen also in besonderem Maße. So zeigt der MDAX nach einer
kurzen Schwäche im Sommer aktuell im Trend wieder relative Stärke
zum DAX.
Zyklische und defensive Branchen ausgewogen
Vor diesem Hintergrund ist es auch
nicht verwunderlich, dass sich - bezogen auf den Weltaktienindex
MSCI World - die relative Gewinnentwicklung von zyklischen zu
defensiven Aktien sehr stabil hält, sozusagen ausgewogen ist. Nach
einem klassischen Fundamentalmuster müssten jetzt die Defensivwerte
auftrumpfen.
Damit korrespondiert im Übrigen
auch eine balancierte Wertentwicklung beider Branchengruppen. Eine
typische Out- bzw. Underperformance der einen oder anderen
Branchengruppe ist im Moment nicht klar zu erkennen.
Unabhängig davon profitiert der
Aktienmarkt weiterhin von der großzügigen Liquiditätspolitik der
EZB. Diese zeigt sich in einer Halbierung des Renditeabschlags
2-jähriger deutscher zu italienischen Staatsanleihen seit Dezember
2012. Diese unverkennbare Abnahme der Risikoaversion zeigt sich
ebenso unverkennbar in einer deutlichen Erholung des Deutschen
Aktienindex DAX. Die Scheuklappen gegenüber den offensichtlich
positiven Fundamentaldaten fallen.
Es lebe die Werterhaltungsfunktion
Unterdessen spricht wenig dafür,
dass sich die Rahmenbedingungen für Edelmetalle in Zukunft
verschlechtern. Sie profitieren auch weiterhin von der Mischung aus
grundsätzlich unsicheren politischen Rahmenbedingungen, der
geballten Liquiditätsausstattung verbunden mit klassischen
Rentenmärkten, die alternativ keine inflations- und
bonitätsgerechten Renditen bieten. Dass die Goldpreise trotz der
Entspannung an den südeuropäischen Staatsanleihemärkten keine
Kursrücksetzer zeigen, belegt im Übrigen, dass sich Gold als
Anleiheklasse fest etabliert hat.
Zudem verhilft die robuste
Konjunkturentwicklung auch Silber zu neuem Glanz, das neben seiner
Funktion als sicherer Hafen auch von seinem Charakter als
Industriemetall - es findet aufgrund seiner hervorragenden Funktion
als elektrischer Leiter u.a. im Technologiesektor große Anwendung -
profitieren kann. So entwickelt sich Silber aus Sicht eines
Euro-Investors im Fahrwasser des großen Edelmetallbruders Gold, das
in Euro gerechnet bereits wieder nahezu am Allzeithoch vom
September 2011 notiert.
Minenwerte als Alternative
Besondere Beachtung verdienen
daneben auch weiterhin Goldminenaktien. Sie bewegen sich im
Windschatten der robusten Goldpreisentwicklung. Zudem bergen sie
Aufholpotenzial gegenüber dem Goldpreis an sich. Ist dieser seit
Anfang 2011 deutlich angestiegen, so hat der NYSE ARCA Gold Bugs
Index, eine gewichtete Sammlung der 17 größten internationalen
Goldminenunternehmen, hier noch Boden gut zu machen, zumal sich das
allgemeine Aktienumfeld freundlich darstellt.
Stand 09.02.2012